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Alle genannten Bedingungen führen zu einer Verschiebung der Körperflüssigkeiten
in den Brustbereich und infolgedessen zu einer Zunahme des zentralen
Blutvolumens.
Das Kreislaufsystem des Menschen ist hauptsächlich dem aufrechten Gang und den
Bedingungen der Schwerkraft der Erde angepasst, weshalb starke Verschiebungen
der Körperflüssigkeiten heftige körperliche Gegenmaßnahmen hervorrufen, die das
Ziel haben, das Flüssigkeitsvolumen des Körpers wieder zu reduzieren (z.B.
verstärktes Harnlassen und andere Flüssigkeitsverluste bei Bettlägerigkeit).
Diese Effekte entstehen regelmäßig nach längerem Aufenthalt in der
Schwerelosigkeit im Weltraum. Sie lassen sich auf der Erde dadurch provozieren
und simulieren, dass die Versuchspersonen über längere Zeit eine Körperposition
einnehmen, bei der ihr Kopf 6° unter die Horizontale abgesenkt ist. Die
Flüssigkeitsverteilung im Körper entspricht bei dieser Lagerung annähernd
derjenigen, die unter Schwerelosigkeitsbedingungen vorherrscht.
Diese Simulationsmethode wird außerhalb der Raumfahrt dazu verwendet, um die
nachteiligen Effekte verlängerter Bettruhe auf die Herz-Kreislauf-Funktion zu
untersuchen. Der einzige Unterschied zwischen der Bettruhe in horizontaler
Position und dem Liegen mit einer Kopfhaltung 6° unter der Horizontalen ist der,
dass diese Effekte bei der abgesenkten Kopfposition rascher eintreten und damit
der Untersuchungszeitraum verkürzt wird. Kreislaufstabile Versuchspersonen
zeigten bereits nach einem Tag erhebliche Herz-Kreislauf-Probleme, wenn sie
sich in dieser Zeit in einer 6°-Kopf-nach-unten-Position befanden. Innerhalb
eines Tages wurde der Kreislauf gesunder Probanden derart intolerant gegenüber
dem "Stress" der aufrechten Position, dass 4 von 10 Versuchspersonen während der
Orthostoasetests einen Ohnmachtsanfall erlitten.
Durch die Untersuchung von Patienten mit Platzangst im Vergleich zu anderen
Personen konnte die Hypothese bestätigt werden, dass die beobachteten
Kreislaufprobleme darauf zurückzuführen sind, dass sich diese aufgrund
übertriebenen Schonverhaltens zu lange in der horizontalen Position aufhalten.
Infolge des Schonverhaltens vermeiden Angstpatienten nicht nur körperliche
Anstrengungen und Belastungen, sondern legen sich schon bei den geringsten
Anzeichen von Unwohlsein oder bei noch unklaren Beschwerden hin und verbleiben
möglichst lange Zeit in dieser Position. Bei längerem Stehen tritt dann vermehrt
Herzrasen auf.
Beim Übergang vom Liegen in die aufrechte Position kommt es bei vielen
Platzangst-Patienten zu körperlichem Unwohlsein, das durch starke
Blutdruckschwankungen bedingt sein kann. Die körperlichen Missempfindungen
führen zu weiterer Schonung, indem sich die Betroffenen neuerlich in die
Horizontale begeben und sich weiter schonen.
Die Befürchtung, an einer undefinierten Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zu
leiden, verstärkt die Symptomatik, sobald die Betroffenen erkennen, dass
Maßnahmen wie Hinlegen und Schonen nicht die gewünschte Wirkung zeigen. Diese
Befunde bestätigen eine Untersuchung, wonach bei Panikpatienten verstärkt
Herzrasen bei aufrechter Körperhaltung auftraten.
Aus dem Umstand,
dass bei Angstpatienten nach dem Aufstehen oft Anzeichen von Kreislaufschwäche
auftreten (z.B. Herzrasen und Herzklopfen, Schwindelattacken, Muskelzittern,
Übelkeit und Schweißausbrüche), ergibt sich die Schlussfolgerung,
schrittweise die körperliche Leistungsfähigkeit der Betroffenen zu steigern,
um eine Konfrontationstherapie nicht durch mangelnde Kondition zum Scheitern zu
bringen.
Viele Angstpatienten klagen nicht nur über Kreislaufprobleme, sondern auch über
eine Schwäche in den Beinen, verbunden mit der Angst umzufallen. Die mangelnde
Bewegung im Rahmen der ständigen Schonhaltung führt rasch zu einem Muskelschwund
(Atrophie) der Beine. Schon der altgriechische Arzt Hippokrates formulierte
ein Gesetz des Lebens: "Was gebraucht wird, wächst; was nicht gebraucht
wird, geht zugrunde." Unbenutzte Beinmuskeln bilden sich bereits innerhalb
einiger Wochen zurück, was Sportler ohne Training, Verunfallte nach einem
sechswöchigen Gipsverband, ältere Menschen nach einer mehrmonatigen Liegephase
und Astronauten ohne körperliches Trainingsprogramm im Weltraum bald zu spüren
bekommen.
Ein geeignetes Konditionstraining stärkt die Muskulatur, verbessert die
Knochenfestigkeit, vermehrt die Blutgefäße im Gehirn und fördert dadurch die
geistige Fitness, senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz, verbessert die
Sauerstoffversorgung des Körpers und beseitigt das chronische Müdigkeitssyndrom
vieler Angstpatienten. Ständige Müdigkeit wird nicht durch Schonung, Ausrasten
und Energiesparen überwunden, sondern durch häufigeres Ermüden als Folge
vermehrten Energieverbrauchs durch Sport und körperliche Betätigung.
Selbst in der Rehabilitation von Patienten nach einem Herzinfarkt gehört
körperliche Aktivität so früh wie möglich zum Standardtherapieprogramm. Die
Erkenntnisse der Sportmedizin werden zunehmend auf die Behandlung von
Herzinfarktpatienten übertragen. Strenge Bettruhe, wie sie früher verordnet
wurde, schwächt den Patienten zusätzlich, besonders, wenn er älter ist.
Das Konditionstraining nach einem Herzinfarkt sollte mit etwa 60-70% der
maximalen Leistungsfähigkeit erfolgen.
Das beste Trainingsprogramm für die Gesamtfitness besteht aus einer Kombination
von Ausdauersportarten und muskelkräftigenden Elementen. Nach dem Kriterium des
Sauerstoffverbrauchs können vier Trainingsmethoden unterschieden werden:
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Der Effekt der Leistungssteigerung durch Sport lässt sich durch eine
Laktatuntersuchung messen. Aus dem Ohrläppchen werden ein paar Tropfen
Kapillarblut gewonnen, und der Laktatspiegel (Milchsäure) wird im Labor
bestimmt. Dieser Wert gibt verlässlich Auskunft über die Leistungsfähigkeit.
Sport verbessert die oft depressive Stimmung vieler Angstpatienten, weil dabei
die Ausschüttung von Endorphinen, d.h. körpereigenen Opiaten, bewirkt wird (was
bislang trotz häufiger Behauptungen allerdings nicht ausreichend klar erwiesen
ist), steigert den oft niedrigen Blutdruck und verbessert die
Gehirndurchblutung.
Bei Ängsten und Depressionen werden durch Sport Muskelspannungen abgebaut und
intensivere Atemzüge bewirkt. Von Menschen mit belastenden Erlebnissen litten
jene weniger häufig unter verschiedenen Krankheiten, die regelmäßig Sport
betrieben.
Ein Forscherteam aus Göttingen hat in den letzten Jahren den Stellenwert von
Sport in der Behandlung psychischer Erkrankungen untersucht und den aktuellen
Forschungsstand zusammenfassend dargestellt.
Zahlreiche Studien an Gesunden haben den positiven Einfluss eines
Ausdauertrainings auf Faktoren wie Ängstlichkeit, Depressivität,
Selbstbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit und Stressbewältigung nachgewiesen.
Sport senkt die Eigenschaftsangst und beeinflusst in positiver Weise
physiologische Faktoren, die als Ausdruck von Angst und Spannung angesehen
werden. Aerobes Training hat auch günstige Auswirkungen auf die Schlafqualität
(erhöhter Tiefschlafanteil).
Bei Sportlern mit einer Trainingspause weist das "akute Entlastungssyndrom",
d.h. eine "Sport-Entzugssymptomatik", auf die Bedeutung neurobiologischer
Adaptationsprozesse hin. Eine akute Sportpause führt nach 1-2 Wochen bei
durchtrainierten Sportlern zu Symptomen wie Herzstichen, Schwindel,
Verdauungsstörungen, Unruhezuständen, Schlafstörungen und depressiver
Verstimmung. Bei Wiederaufnahme der sportlichen Betätigung verschwinden alle
Symptome innerhalb kurzer Zeit. Die neurobiologischen Ursachen dieses Phänomens
sind derzeit noch unbekannt.
Die erste größere praktische und wissenschaftliche Bedeutung im psychiatrischen
Kontext erlangte die Sporttherapie Ende der 70er Jahre in den USA, wo
depressive Patienten mit Erfolg an einem Ausdauertrainingsprogramm teilnahmen.
Verschiedene Studien an psychisch Kranken belegen mittlerweile eindeutig, dass
Sport bei Depressionen und Angststörungen heilsam wirkt. Die Göttinger
Arbeitsgruppe legte 1997 eine placebokontrollierte Studie zur therapeutischen
Wirksamkeit von Ausdauertraining bei Patienten mit Panikstörung und/oder
Platzangst vor. Im Rahmen der 10 Wochen dauernden Studie wurden die
Therapieeffekte bei 49 Panikpatienten untersucht, die drei verschiedenen
Behandlungsbedingungen zugeordnet wurden: Ausdauertraining (3-4 mal 30-60
Minuten Laufen pro Woche), Clomipramin (112,5 mg pro Tag) und Placebo.
Clomipramin und Ausdauertraining führten im Vergleich zur Placebogruppe zu einer
deutlichen Besserung der Angstsymptomatik, gleichzeitig sank auch das Ausmaß der
Depressivität. Die gemessene Steigerung der körperlichen Fitness bestätigt die
Wirksamkeit des Ausdauertrainingsprogramms. Diese Studie weist darauf hin,
dass bei Panikpatienten bereits ein Ausdauertraining ohne spezifische
Begleittherapie zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik führt.
Das Ausdauertraining beeinflusst das autonome Nervensystem und zentrale
Kommunikation zwischen Nervenzellen. Nach der Endorphinhypothese führt ein
Ausdauertraining akut zu einem Anstieg von Beta-Endorphinen,
Trainingswiederholungen bewirken eine vermehrte Ausschüttung von
Beta-Endorphinen. Die häufige Annahme, dass der Anstieg an Endorphinen zu einer
Stimmungsverbesserung führt, ließ sich bislang nicht bestätigen. Psychische
Zustandsverbesserungen scheinen daher beim gegenwärtigen Wissensstand nicht
durch die Ausschüttung von Endorphinen erklärbar zu sein, vor allem auch
deshalb nicht, weil das Beta-Endorphin die Blut-Hirn-Schranke nicht
überschreiten kann.
Ausdauertraining aktiviert auch das Noradrenalin- und Dopaminsystem
(Überträgersubstanzen zwischen Nerven). Bei Depressiven wurde nach einem
körperlichen Training eine erhöhte Zahl von Noradrenalin und Serotonin gefunden.
Nach zahlreichen Untersuchungen weisen Angstpatienten eine reduzierte
Belastbarkeit des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmung auf:
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Die verminderte Leistungsfähigkeit des Atmungssystems stellt nach Auffassung
des Göttinger Forscherteams eine krankhaft wirkende Komponente innerhalb eines
umfassenden Modells zur Entstehung der Panikstörung dar. Stress in Verbindung
mit Bewegungsmangel und einer entsprechenden biologischen Anlage führt zu einem
erhöhten Sympathikotonus und infolgedessen zu einer vegetativen
Übererregbarkeit.
Die Wahrnehmung von Kreislaufsymptomen (diffuser Schwindel, Ohnmachtsgefühl,
Herzrasen) und deren Bewertung als gefährlich führt zu Herzangst,
Hyperventilation und Panikattacken. In weiterer Folge kommt es zu ausgeprägtem
Vermeidungsverhalten, psychosozialem Rückzug und vollständigem Verzicht auf
sportliche Betätigung, auch wenn diese früher oft einen wichtigen Teil des
Lebens darstellte. Der Mangel an Bewegung und körperlicher Fitness verstärkt den
Teufelskreis der Angst.
Bei Ausdauertrainierten wurden im Vergleich zu anderen Personen folgende
positive Effekte hinsichtlich der körperlichen Fitness festgestellt:
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Ein Teil der Angstpatienten weist eine erhöhte Laktatsensitivität auf, wie bei
experimentellen Panikstudien festgestellt wurde. Bei Laktatinfusionen wird oft
geklagt über Parästhesien (Körpermissempfindungen), Zittern, Schwindel, starkes
Herzklopfen, Kälte, Nervosität und Atemnot. Dieser Umstand könnte auch für das
Vermeidungsverhalten verschiedener Panikpatienten gegenüber sportlicher
Betätigung bedeutsam sein.
Ein Ausdauertraining reduziert bei Angstpatienten die vegetative Erregbarkeit,
führt zu einer gesunden Abhärtung des Körpers, stellt eine aktive
Bewältigungsstrategie angesichts von unvermeidlichen Härten des Lebens dar und
verbessert das allgemeine körperliche Befinden und Selbstbewusstsein.
Körperliche Betätigung führt zu einer sofortigen Unterbrechung des ängstlichen
und/oder depressiven Grübelns, weil durch die Konzentration auf die Umwelt, in
der die Ausdauersportart ausgeführt wird, eine sofortige
Aufmerksamkeitsumlenkung erfolgt, z.B. Konzentration auf die Natur beim Laufen
oder Radfahren, Kontakt mit anderen Menschen im Schwimmbad oder während des
Schiurlaubs.
Ein Ausdauertraining stellt für viele Agoraphobiepatienten mit und ohne
Panikstörung bereits eine Art Konfrontationstherapie dar, so dass sportliche
Betätigung in ein verhaltenstherapeutisch orientiertes Angstbehandlungsprogramm
leicht und gut integrierbar ist. Gleichzeitig führt vermehrte körperliche
Aktivität zu der oft gewünschten körperlichen Entspannung, ohne dass zu diesem
Zweck Medikamente (vor allem zum Schlafen) eingenommen werden müssen, wie dies
ansonsten häufig der Fall ist.
Die alleinige Anwendung eines Ausdauertrainings ohne weitere
Behandlungskomponenten kann nach neuesten Befunden bei bestimmten Panikpatienten
mit und ohne Agoraphobie bereits eine ausreichende Besserung bewirken.
Die Erfahrungen des Göttinger Forscherteams zeigen jedoch auch, dass
Angstpatienten eine entsprechende Information, Motivation und Handlungsanleitung
benötigen, um in dieser Weise aktiv zu werden. Die gutgemeinten Ratschläge, sich
etwas mehr zu bewegen und in die frische Luft zu gehen, weil dies gesund sei,
bleiben in der Regel so lange wirkungslos, als sie nicht in ein konkretes
Erklärungsmodell zur Wirksamkeit bei Angststörungen eingebettet werden.