Bewegung kommt mit dem Appetit
Ein Körper, der zu oft Nahrung erhält, gerät in den Sog von Bewegungsarmut, Fettleibigkeit und letztlich Diabetes. Auslöser ist ein molekularer Schalter, der durch Insulin gesteuert wird. Das zeigen Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in einer neuen Studie.
Ihre Erkenntnisse stellen sie in der neuesten Ausgabe
(2009) des renommierten Wissenschaftsmagazins Nature vor.
Am Morgen wie ein Kaiser, am Mittag wie ein König, am Abend wie ein
Bettelmann. Nichts dazwischen, kein Snack, nichts Süßes, auch nichts
„Gesundes“. Denn: um gesund zu bleiben, braucht der Körper Fastenzeiten zwischen
den Mahlzeiten. So hieße wohl die Empfehlung, die Ernährungsberater abgeben
müssten, würden sie die neuen Erkenntnisse praktisch umsetzen. Die
Forschungsgruppe zeigt einen wichtigen Mechanismus auf, welcher der
Bewegungsarmut und damit der Fettleibigkeit zu Grunde liegt.
Hunger macht aktiv
Zentraler Schalthebel dabei ist ein Faktor namens Foxa2. Solche Proteine
sorgen dafür, dass Gene aktiviert werden. Foxa2 kommt in der Leber vor, wo es
die Fettverbrennung beeinflusst, aber auch in zwei wichtigen Nervenzellbeständen
im Hypothalamus, einer Hirnregion, die Tagesrhythmus, Schlaf, Nahrungsaufnahme
und Sexualverhalten steuert. Steuerelement für die Aktivität ist Insulin.
Nimmt der Mensch Nahrung auf, schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus.
Dieses hemmt Foxa2. Im nüchternen Zustand, also beim Fasten, fehlt Insulin, und
Foxa2 ist aktiv. Im Hirn fördert Foxa2 die Bildung von Eiweißstoffen, die
verschiedene Verhaltensweisen auslösen: Nahrungsaufnahme und spontane Bewegung.
Haben Säugetiere Hunger, sind sie aufmerksamer, körperlich aktiver. Kurz: Sie
jagen, suchen nach Nahrung. "Wer einer Katze oder einem Hund vor der Fütterung
zuschaut, kann dies sehr gut beobachten".
Erklärung für Bewegungsarmut
Bei fettleibigen Mäusen haben die Forscher eine Störung entdeckt: In diesen
Tieren ist Foxa2 permanent gehemmt, egal ob die Tiere nüchtern oder gesättigt
sind. Dies erklärt ein seit längerem bekanntes, aber nicht erklärbares Phänomen:
Die Bewegungsarmut von fettleibigen Menschen und Tieren. Die Forscher haben nun
Mäuse gezüchtet, in deren Hirne Foxa2 stets aktiv ist, egal ob sie gerade
gefressen haben oder nüchtern sind. Diese Mäuse bewegen sich fünfmal mehr als
gewöhnliche Tiere, bei denen Insulin Foxa2 nach dem Essen ausgeschaltet ist oder
die fettleibig sind. Die genetisch veränderten Mäuse verlieren Fettgewebe und
bilden größere Muskeln aus. Zucker- und Fettstoffwechsel laufen bei ihnen auf
Hochtouren und ihre Blutwerte sind deutlich verbessert.
Drei Mahlzeiten am Tag genügen
Für die Forschergruppe ist klar: "Der Körper braucht Fastenperioden, um
gesund zu bleiben." Zudem müsse man für ein gutes Körpergewicht sorgen. Sie
halten wenig davon, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen. Lieber
wenige Male richtig essen, und dazwischen auch dem Hunger Raum zu lassen. Denn
weil bei jeder Mahlzeit auch Insulin ausgeschüttet wird, das Foxa2 unterdrückt,
verringert sich zusehends die Motivation zur körperlichen Aktivität und die
Verbrennung von Zucker und Fett.